Ab jetzt läuft alles nach Plan. Erwartete Entbehrungen treten ein, eine gute Vorbereitung lässt keinen Spielraum für Überraschungen. Ich bin als erster fertig und gehe voraus und schaffe es in der Finsternis bis auf 3300Hm. Das Biwak bringt mir den entscheidenden Vorteil den ganzen Weg über fast 20km zu schaffen. Es friert und an Schlaf ist nicht zu denken, ich zittere in regelmäßigen Abständen. Die Höhe hingegen spüre ich kaum.
Am Bishop Pass auf 3600Hm bin ich guter Dinge und finde, dass ich einen guten Job mache. Ich weiß nur noch nicht, dass damit noch lange nicht die Hälfte des Weges erreicht ist. Nach den 700Hm rauf, geht's 1000Hm runter. Beschissene Stufen erleichtern anderen vielleicht das Bergabgehen, nur bei mir wird dadurch alles eher zur Tortur. Setze ich den Fuß nach unten, knallt hinter mir der Bootsspitz auf die Stufenkante, ich bekomm dadurch jedes mal fast Übergewicht. Will ich das verhindern, muss ich buckeln wie eine Kräuterhex. Nach der Passhöhe kommt ein Kar samt vielen kleinen Seen und ebenso vielen kleinen Stechmücken. Die Saubiester stechen sogar durch mein toasted Thermic Leiberl. Nach einer weiteren endlosen Abwärtspassage kommt ein Hochtal und mein Höhenmesser der Armbanduhr zeigt noch immer viel zu viel Höhenmeter an. Es geht nochmals runter und klesch, bei den Stufen knallt mir das Boot gegen den Hinterkopf. 11 Stunden reine Gehzeit nagen an mir. Auf den letzten 300Hm visualisiere ich in den immer kürzer werdenden Gehpausen, wie ich am ende alles hinwerfe und einmal ein Nickerchen mache und alle viere von mir strecke. Das Schwerwiegendste ist weniger meine schwindende Kondition, sondern die Schmerzen in Wadenknienhüftenkreuzschultern. Reiner begleitet mich noch einige Zeit, geht dann aber doch voraus - zu meiner Verteidigung hat er einen kleinen Gewichtsvorteil beim Gepäck. Unglaublich und es kommt der Moment, in dem ich den Fluss sehe. In Erwartung alles fallen lassen zu können, was zu essen und zu trinken, heißt es der Parkranger mache Stress und wir sollen gleich los.
Diesmal bin ich konfus, verwirrt verpacke ich alles notdürftig, sauge gierig an meiner Trinkflasche und mach mich mehr schlecht als recht fertig. Im ersten Camp auf einem Felsen neben einer Granitrutsche, liege ich nach einem kümmerlichen Abendessen bereits um 7 in meinem Biwak. Ab und zu höre ich mich stöhnen, wenn ich meine Position wechsle. Mein Kreuz ist hin.
Selbst am nächsten Morgen habe ich keinen Hunger. Entschädigt werde ich durch die wohl genialste Kombination aus wildromantischer Naturschönheit und szenenreichem Wildwasser. Im Laconte Canyon wechseln sich Rutschen und Wasserfälle ab, dazwischen sind wir nervös aufmerksam, da uns oft genug umgestürzte Bäume den Weg versperren. Wir gleiten auch lautlos durch kitschig schön anmutende Meadows, mäandrierenden Flussschlingen zwischen hoch aufstrebenden Viertausendern. Der Wasserstand ist für manche Stellen zu gut und wir nehmen lange Portagen in Kauf. Den Abschnitt der middle 4 miles packen wir schnell und haben so im 3. Camp mehr Zeit uns zu erholen. Die Landschaft um den Tehepiti Dome hat sich nun verändert, die Vegetation ist spärlicher und von Hitze und Trockenheit geprägt. Der Tahepiti thront 1100Hm über unserem Lager als Riesenphallus. Gäbe es eine Straße hier rein, würde er dem El Capitan oder dem Half Dome schon längst den Rang abgelaufen haben.
Die bottom 9 miles sind für Reiner und mich viel entspannter als der Abschnitt zuvor, da wir uns die Stellen anschauen können und nicht auf Gedeih und Verderb hinter Rok und Darin her müssen. Hier wird es steil und wuchtig. Die Beiden wollen nun auch wissen, wo es runter geht, warten doch viel mehr Gefahren als oben. Dieser Tag knabbert an unserer Kondition. WW fünf am Arsch der Welt ist eine echte Herausforderung. Und wieder wird es trockener. Macchie wechselt mit halbwüstenartiger Vegetation, sofern die Schlucht Platz dafür lässt. Im Camp 4 schafft es Rok gar nicht mehr sein Abendessen ein zu nehmen, er knackt vorher schon weg. Hier nach endlosen Tagen am Fluss habe ich mich nun weitgehend von den Strapazen der Wanderung erholt. Einen Vorteil bietet die Länge unserer Expedition: unsere Boote werden immer leichter, so haben wir, als wir in die Garlic Falls einfahren, unsere Vorräte aufgegessen. Es erwartet uns Wuchtwasser mit spannenden Passagen. Ab hier sind wir endgültig im golden state angelangt. Kaliforniern ist zu dieser Jahreszeit eine sonnenverbrannte Steppenlandschaft, in der die langen Gräser des Frühlings sich nun golden vertrocknet dem Wind beugen. Die Rückkunft in der Zivilisation feiern wir standesgemäß bei köstlichen Bürgern mit Coke.
Mittwoch, 13. Juli 2016
3. Drama
Michi ist zerstört, und niemand erahnt nach unserem Trip eine Veränderung, jedoch öffnet er sich mir am Tag unserer Abreise zum Middle Forks of the King (MFK) und schließt eine Befahrung des MFK aus, weil er weiß, dass er der psychischen Belastung für mehrere Tage in diesen Schluchten nicht gewachsen ist. Sein Mut und seine Zuversicht sind dahin. Er sieht sich selbst immer und immer wieder in dieser tödlichen Situation. Rok und ich führen lange Gespräche, aber letztendlich entscheidend nicht zum MFK zu wandern ist aber etwas anderes, etwas skurriles, jedoch zu Akzeptierendes. Zur Vorgeschichte: Mandis Flieger hebt leider, leider verspätet in Wien ab. Er versäumt den Anschluss in die USA und übernachtet in Paris. Reiner als echter Freund führt mich hingegen zeitgerecht von San Francisco 3 1/2 Stunden um mitternachts zum Ausgangspunkt der Wanderung zum UCC, um gleich darauf kehrt zu machen, den Mandi am Flughafen ab zu holen, am vormittags darauf nach zu gehen und uns am Fluss ein zu holen. Er kennt den Fluss und wüsste daher Bescheid, wenn da nicht ... saudummerweise ... Mandis Gepäck in Paris liegen geblieben wäre. Hättitatiwari und sein Vorhaben plus dem erhofften Probegalopp am UCC für den MFK fällt für die beiden ins Wasser, wahlweise gab es eine kleine Sightseeingrunde in SFO. Reiner loost somit doppelt ab. 7 Stunden Autofahrt für nix und keine Fahrt am wahrscheinlich geilsten Bach des Universums. Also zurück zum Tag unserer Abreise zum MFK, kommt Mandi fix und fertig nach durchwachter Nacht aus seinem Zimmer, um uns mit zu teilen, dass er an einem schweren Schnupfen erkrankt sei, sich mental und technisch nicht in der Lage sähe mit zu kommen und daher beschlossen habe nach Hause zu fliegen :-0 Mit einem Mal zerbricht unser Expetitionsteam. Die Botschaft hörn wir wohl, allein uns fehlt der Glaube. Der Entschluss beider steht fest. Sämtliche Angebote für Alternativen gehen ins Leere. Rok erkennt die Ausweglosigkeit und die Gefahr, die diese Unentschlossenheit mit sich bringen würde und schafft Tatsachen. Die Flüge sind umgebucht, Michi und Mandi fahren zum Flughafen und wir machen uns zu viert samt Träger-Shuttlebunny auf den Weg. In Anbetracht dieser Erkenntnisse über den mentalen Zustand der beiden und der sich im Nachhinein bestätigten Anforderungen, eine exzellente Entscheidung
2. Drama Baby
Was für ein euphorisches Gefühl! Schöner der Moment kaum sein könnte: what a relief. In bedächtiger Langsamkeit, fast wie in einem Film, in Trance richte ich meine Dinge, pack aus, geh schwimmen, pack ein, zieh mich an und bin tatsächlich fertig zum Losfahren. Die ersten fein geschliffenen Granitrutschen in mondähnlicher Landschaft ziehen an mir vorbei. Fast unbeteiligt genieße ich die ersten Momente in surreal schöner Landschaft. Gott (schon wieder Gott?) sei Dank geht es nicht gleich voll los. Das Tal ist weit ausragend geformt, wie ein riesige Salatschüssel. Da und dort erkämpft sich eine Zeder ihren Platz und trotzt dem glatten Granit eine Nische ab in die sie ihre Wurzeln schlagen kann. Ich erhole mich langsam. Links und rechts von mir schließt sich das Tal und glatte Wände ragen gen runder Granitkuppen in schwindelerregender Höhe. Ein Paradies für David Lama oben, für mich unten, wo das Wasser kreisrunde Gumpen in den Fels gefräst hat, von denen wir aus, über Wasserfälle wieder talwärts springen. Disneyland für echte Männer mit hohem Risiko eines bösen Schwumms. Passiert dem Michi auch. In der Kirschenbombe (Cherrybomb) folgt einer langen Rutsche ein Wasserfall mit anschließendem Abfall, der sich in ein rückläufiges Wehr verwandelt. Prompt kippt er kurz vorher um und reitet ein. Gott (schon wieder) sei Dank habe ich es vor seiner Fahrt geschafft, doch in die fast senkrechte Wand zu klettern, um tolle Filmaufnahmen machen zu können. Er kämpft wirklich brav, schafft es aber nicht raus und badet ab. Durch Glück und Routine schiebt er sich aus dem tödlichen Sog und fängt meine Rettungsleine. Ich höre ihn quer über den Fluss bis zu mir rüber nach Luft ringen. Er ist nach der erschöpfenden Wanderung und nach dem hier am Ende seiner Kräfte. Selbst die eine Nacht nach den ersten Schluchten des UCC hat ihm nicht die nötige Kraft geben können, sich dem Ganzen zu widersetzen. Wie durch ein Wunder (Wunder?) treibt das Boot in seine Hände und das Paddel in eine kleine Kehre. Wir verharren eine Weile zwischen senkrechten Wänden bis Weiteres getan werden kann. Er bis zur Brust im Wasser auf einem Felssims stehend und ich mit dem Seil in der Hand auf glattem Granit gegenüber. Schlussendlich ziehe ich ihn rüber, er leert das Boot und wir werden von Rok und Darin durch den Rest der Schlucht geguidet. Einfacher wird es nicht. Krämpfe, Erschöpfung und angeschlagenes Selbstvertrauen begleiten Michi nach unten. Ein Jammer einen gestanden Mann so kämpfen zu sehen. Öfters muss er seine Fahrt gebeutelt von Schmerzen in Unterarmen und Bauchmuskeln unterbrechen. Mehrere Stellen traut er sich nicht mehr zu und um trägt sie. Gegen Ende unserer Fahrt überfliegt uns ein Helikopter und wir erahnen Böses, hoffen aber noch auf glimpflichen Ausgang, was sich leider nicht bestätigen sollte. Es stellt sich heraus, dass der Gruppe nach uns just das gleiche passiert ist, nur es ihnen nicht vergönnt war, das der Schwimmer sich aus dem Sog befreien konnte und dort verstarb.
1. Drama Baby Drama
Und ich habe gedacht, dass der elends lange Haatsch nicht zu übertreffen sei. Da habe ich mich aber getäuscht. Nun sicher bin ich vom Flug erschöpft, die lange Fahrt vom Flughafen und der Jetlag lassen mir bloß 3 Stunden Schlaf bevor es um 6 Uhr in der Früh los geht unsere Boote mit dem Nötigsten für die nächsten 2 Tage zu füllen. Der Upper Cherry Creek (UCC) soll ja eine willkommene Einstimmung auf den Middle Fork of the Kings (MFK) sein. Meine Anreise hätte nicht treffender sein können, einen Tag später und das Wasser wäre schon zu wenig gewesen. Ich schultere das Boot samt Füllung. Im ersten Drittel der Wanderung zum Einstieg, sprich in den ersten 2 Stunden bin ich drauf los, als wäre das alles eine nette Wanderung. Zwischenzeitlich fand sich auch noch Energie zu filmen. Das Gewicht war durchaus ansprechend, aber nicht unerträglich, jedoch sollten sich die 40 Kilo am Rücken in was echt Biestiges verwandeln. Ich hatte anfangs noch Tragepassagen von gut und recht 30 Minuten. Die erste längere Pause kam genau richtig, ermüdet, guter Dinge und die Schmerzen waren erträglich. In den darauffolgenden 2 Stunden habe ich einen entscheidenden Fehler fortgeführt, der sich schon angebahnt hatte. Aus fehlender Kraft heraus habe ich darauf verzichtet ausreichend zu trinken oder noch schlimmer, bin ich unglaublich leichtfertig an der letzten Wasserstelle vorbei gegangen, ohne meine Wasservorräte aufgefüllt zu haben. Die 4. Stunde wurde zur Charakterschule. Bergauf, erdrückend Hitze und ich vollkommen dehydriert, mit Schmerzen zwischen den Zehen, in Knien, in Hüfte und Schultern, aber vor allem im Kreuz. Mannomann, 10mweise schleppe ich mich voran, jede Pause an und für sich ist schon eine Challenge. Ich balanciere das 2m über mir hochragende Unding nach hinten, versuche dabei nicht weg zu kippen und setze den Spitz meine Bootes hinter mir zwischen die Beine auf den Boden und versuche zuallerletzt die 40kg an einem Baum an zu lehnen. In der nach einer Gottesanbeterin anmutenden Stellung verharre ich, bis ich glaube den nächsten Weg in den nächsten Schatten schaffen zu können. Jedoch ... die Schatten werden weniger! Die Landschaft verändert sich. Der kalifornische Kiefern- und Zedernwald wird spärlicher und weicht langsam einer mondähnlichen Landschaft, in der weitläufiger Granit die Gegend prägt. Ungläubig nehme ich in meinem Dunst eine leicht grün werdende weitläufige Mulde wahr, in der eine Quelle sein sollte. Aus Filmen kennt man das, wenn halb Verdurstende nach Wasser lechzen. Ich sehe mich als Charles Bronson in der Hitze der Wüste dem Verdursten nahe. Unglaublich, dort ist saftiges Gras mit anmutenden Blumen im Schatten riesiger Zedern und tatsächlich einem kleinen Tümpel, der durch ein frisches Rinnsal gespeist wird. Gott was bin ich erleichtert. Ich lass das Ding, Ding sein und kauere mich neben dem Wasser am Boden und genieße kaum wie selten zuvor den wohltuenden Geschmack frischen Wassers. Mein Mund ist ja beinahe von selbst zusammen geklebt. Ich habe ja kurz vorher einen weiteren entscheidenden Fehler begangen, einen Magnesiumshot in Pulverform mir in den Mund zu schütten, in der Hoffnung dadurch Energie zu gewinnen, aber wie unschwer zu erraten, sinnlos und saudämlich. Mann bin ich fertig, aber erst am Ende des 2. Drittels? Das darf nicht sein. Die anderen kommen nach und nach. Ich lieg ausgestreckt am Boden und versuche meine Situation bestmöglich zu kaschieren. Ich zeige doch keine Schwäche. Gelingt mir nicht ganz. Nochmals 2 Stunden - nie und nimmer. Ich habe ja gedacht ich sei so fit und schaff das wie alle Zeitangaben bei Wanderwegen deutlich zu unterbieten, aber nix da, 6 Stunden reine Gehzeit mit 40kg am Buckel in beschissener Aufhängung und Balance, wie verdammt machen das die Sherpas? Weiß nicht wie, aber zwischen Hoffnung, Verzweiflung und purer Rationalität habe ich lernen dürfen. Das 3. Drittel, die letzten 2 Stunden sind die überraschenderweise Erträglichsten. Alle 8-9 Minuten 1-2 Minuten Pause, alle 20 Minuten Wasser trinken, langsames Gehen in vollster Konzentration und heppa juppidu, ich seh den Fluss und bin schon da, nachdem ich mich fast verkoffere, fall um und bleibe angeschnallt liegen.
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