Mittwoch, 13. Juli 2016

4. no drama anymore

Ab jetzt läuft alles nach Plan. Erwartete Entbehrungen treten ein, eine gute Vorbereitung lässt keinen Spielraum für Überraschungen. Ich bin als erster fertig und gehe voraus und schaffe es in der Finsternis bis auf 3300Hm. Das Biwak bringt mir den entscheidenden Vorteil den ganzen Weg über fast 20km zu schaffen. Es friert und an Schlaf ist nicht zu denken, ich zittere in regelmäßigen Abständen. Die Höhe hingegen spüre ich kaum.
Am Bishop Pass auf 3600Hm bin ich guter Dinge und finde, dass ich einen guten Job mache. Ich weiß nur noch nicht, dass damit noch lange nicht die Hälfte des Weges erreicht ist. Nach den 700Hm rauf, geht's 1000Hm runter. Beschissene Stufen erleichtern anderen vielleicht das Bergabgehen, nur bei mir wird dadurch alles eher zur Tortur. Setze ich den Fuß nach unten, knallt hinter mir der Bootsspitz auf die Stufenkante, ich bekomm dadurch jedes mal fast Übergewicht. Will ich das verhindern, muss ich buckeln wie eine Kräuterhex. Nach der Passhöhe kommt ein Kar samt vielen kleinen Seen und ebenso vielen kleinen Stechmücken. Die Saubiester stechen sogar durch mein toasted Thermic Leiberl. Nach einer weiteren endlosen Abwärtspassage kommt ein Hochtal und mein Höhenmesser der Armbanduhr zeigt noch immer viel zu viel Höhenmeter an. Es geht nochmals runter und klesch, bei den Stufen knallt mir das Boot gegen den Hinterkopf. 11 Stunden reine Gehzeit nagen an mir. Auf den letzten 300Hm visualisiere ich in den immer kürzer werdenden Gehpausen, wie ich am ende alles hinwerfe und einmal ein Nickerchen mache und alle viere von mir strecke. Das Schwerwiegendste ist weniger meine schwindende Kondition, sondern die Schmerzen in Wadenknienhüftenkreuzschultern. Reiner begleitet mich noch einige Zeit, geht dann aber doch voraus - zu meiner Verteidigung hat er einen kleinen Gewichtsvorteil beim Gepäck. Unglaublich und es kommt der Moment, in dem ich den Fluss sehe. In Erwartung alles fallen lassen zu können, was zu essen und zu trinken, heißt es der Parkranger mache Stress und wir sollen gleich los.
Diesmal bin ich konfus, verwirrt verpacke ich alles notdürftig, sauge gierig an meiner Trinkflasche und mach mich mehr schlecht als recht fertig. Im ersten Camp auf einem Felsen neben einer Granitrutsche, liege ich nach einem kümmerlichen Abendessen bereits um 7 in meinem Biwak. Ab und zu höre ich mich stöhnen, wenn ich meine Position wechsle. Mein Kreuz ist hin.
Selbst am nächsten Morgen habe ich keinen Hunger. Entschädigt werde ich durch die wohl genialste Kombination aus wildromantischer Naturschönheit und szenenreichem Wildwasser. Im Laconte Canyon wechseln sich Rutschen und Wasserfälle ab, dazwischen sind wir nervös aufmerksam, da uns oft genug umgestürzte Bäume den Weg versperren. Wir gleiten auch lautlos durch kitschig schön anmutende Meadows, mäandrierenden Flussschlingen zwischen hoch aufstrebenden Viertausendern. Der Wasserstand ist für manche Stellen zu gut und wir nehmen lange Portagen in Kauf. Den Abschnitt der middle 4 miles packen wir schnell und haben so im 3. Camp mehr Zeit uns  zu erholen. Die Landschaft um den Tehepiti Dome hat sich nun verändert, die Vegetation ist spärlicher und von Hitze und Trockenheit geprägt. Der Tahepiti thront 1100Hm über unserem Lager als Riesenphallus. Gäbe es eine Straße hier rein, würde er dem El Capitan oder dem Half Dome schon längst den Rang abgelaufen haben.
Die bottom 9 miles sind für Reiner und mich viel entspannter als der Abschnitt zuvor, da wir uns die Stellen anschauen können und nicht auf Gedeih und Verderb hinter Rok und Darin her müssen. Hier wird es steil und wuchtig. Die Beiden wollen nun auch wissen, wo es runter geht, warten doch viel mehr Gefahren als oben. Dieser Tag knabbert an unserer Kondition. WW fünf am Arsch der Welt ist eine echte Herausforderung. Und wieder wird es trockener. Macchie wechselt mit halbwüstenartiger Vegetation, sofern die Schlucht Platz dafür lässt. Im Camp 4 schafft es Rok gar nicht mehr sein Abendessen ein zu nehmen, er knackt vorher schon weg. Hier nach endlosen Tagen am Fluss habe ich mich nun weitgehend von den Strapazen der Wanderung erholt.  Einen Vorteil bietet die Länge unserer Expedition: unsere Boote werden immer leichter, so haben wir, als wir in die Garlic Falls einfahren, unsere Vorräte aufgegessen. Es erwartet uns Wuchtwasser mit spannenden Passagen. Ab hier sind wir endgültig im golden state angelangt. Kaliforniern ist zu dieser Jahreszeit eine sonnenverbrannte Steppenlandschaft, in der die langen Gräser des Frühlings sich nun golden vertrocknet dem Wind beugen. Die Rückkunft in der Zivilisation feiern wir standesgemäß bei köstlichen Bürgern mit Coke. 

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